Die größte Macht hat das richtige Wort zur richtigen Zeit

Mark Twain über Corporate Language

Mark Twain hat eine klare Meinung zur deutschen Sprache – und was für eine!

Winter 1880. Ein Mann stapft durch Berlin. Sein Name: Mark Twain. Sein Beruf: Autor und Sprach-Experte. Sein Thema: Die deutsche Sprache. Und Mark Twains Sprach-Analyse „The Awful German Language“ ist zwar toll, aber sehr lang. Um Zeit zu sparen, kommt hier die Zusammenfassung mit markigen Zitaten von Mark Twain.

Alte und neue Sprach-Regeln

Jede Sprache hat ihre Regeln – das merkt auch Mark Twain bei seiner Sprach-Analyse:

„Ein durchschnittlicher Satz in einer deutschen Zeitung besteht hauptsächlich aus zusammengesetzten Wörtern ohne Bindestriche. Erst am Schluss, wenn das Verb kommt, erfährt man, wovon die ganze Zeit die Rede war. Dann hängt der Verfasser noch ‚haben sind gewesen gehabt haben geworden sein’ oder dergleichen an, und das Monument ist fertig.“

Okay, das kann man gelten lassen. Dass Mark Twains Sprach-Analyse dann aber alle Verben brandmarkt, die weit von der Ausgangsbasis entfernt liegt, ist neben der Kappe. Es ist nicht so, dass Deutsche umständliche Texte „für eine geübte Feder und das Vorhandensein jenes geistigen Nebels“ halten, „der bei diesem Volk als Klarheit gilt.“ Was Mark Twain dabei verkennt, ist, dass das Kompliziere in jeder Sprache seine Liebhaber hat. Und im Deutschen wird die Sprache eben oft verwendet, um zu imponieren – was sie sehr gut kann. Denn nicht ohne Grund gilt die Entfremdung von alltäglicher Rede oder natürlicher Ausdrucksweise als besonders cool wie Spock, Kinski, Udo Lindenberg, Sloterdijk und Bodo Kirchhoff zusammen.

Was Mark Twain quält

Auf die Nerven geht Mark Twain auch noch was anders; etwas, das wir von Klein auf gelernt, um nicht zu sagen, verinnerlicht haben, womit, um gleich ein Beispiel nicht nur zu nennen, sondern sich auch darin aufzuhalten, dies hier gemeint ist:

„Die deutsche Grammatik ist übersät mit trennbaren Verben. Je weiter die Teile auseinander gerissen werden, desto zufriedener ist der Urheber. Wer sich zu lange damit beschäftigt, dem weicht das Gehirn davon auf oder versteinert.“

Als Beispiel konstruiert Mark Twain dann einen ziemlich guten Satz, bitte jetzt lesen:

„Die Koffer waren gepackt, und er reiste, nachdem er seine Mutter und seine Schwestern geküsst und noch ein letztes Mal sein angebetetes Gretchen an sich gedrückt hatte, das, in schlichten weißen Musselin gekleidet und mit einer einzelnen Nachthyazinthe im üppigen braunen Haar, kraftlos die Treppe herabgetaumelt war, immer noch blass von dem Entsetzen und der Aufregung des vorangegangenen Abends, aber voller Sehnsucht, ihren armen schmerzenden Kopf noch einmal an die Brust des Mannes zu legen, den sie mehr als ihr eigenes Leben liebte, ab.“

Klar ist das umständlich. Klar können die Amerikaner alles schneller sagen, bellen, brüllen und rappen als der Rest der Menschheit. Aber ist denn die Kunst, mit Satzzeichen zu arbeiten und sich darauf zu verlassen, dass jemand den Text so lange liest, bis er ihn versteht – ist das nicht auch wunderschön?

Gibt es Wörter, die zu lang sind?

Recht hat Mark Twain allerdings, wenn er feststellt:

„Manche deutsche Wörter sind so lang, dass man sie nur aus der Ferne sehen kann. Zum Beispiel ‚Freundschaftsbezeugungen’, ‚Dilettantenaufdringlichkeiten’ und ‚Stadtverordnetenversammlungen’. Das sind keine Wörter, es sind Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets…“

Zwischenergebnis

Was Mark Twains Sprach-Analyse in „The Awful German Language“ beschreibt, ist aber nicht die Sprache, die 1880 auf der Straße gesprochen wurde – sondern die Art, wie man damals Briefe, Artikel und Literatur schrieb. Das ist lange her, aber dieses Deutsch vor Erfindung der Verständlichkeit wird heute immer noch verwendet, wenn sich Ämter, Regierungen oder Verwaltungen äußern. Das Ergebnis sind bekannte Wort-Monster wie Abgassonderuntersuchung, Abbiegeregelung, Datenschutzbeauftragter und Rechtschutzversicherungsantragsformulare. Die Sprache von 1880 funktioniert also immer noch – und noch immer macht sie Eindruck, trennt die Dummen von den Schlauen und schüchtert die Bevölkerung durch Amtlichkeit ein.

Das können sich aber nur offizielle Stellen leisten, die nicht davon leben, dass man sie versteht. Sie, lieber Leser, sollten so was in Ihrer Kommunikation mit Zielgruppen unbedingt vermeiden. Und wenn Sie einen zu langen Satz haben, wenden Sie am besten die Metzgermethode an – zerhacken und in kleine, gut bewältigbare Portionen verwandeln.

Das Der, das Die und das Das

Im Rahmen von Mark Twains Sprach-Analyse spricht er aber auch ein paar wunde Punkte an – das Übermaß an Kompliziertheit:

„Jedes Substantiv hat sein grammatisches Geschlecht, aber ohne Sinn und Methode. Man muss das Geschlecht eigens mitlernen, und dafür braucht man ein Gedächtnis wie ein Terminkalender. Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, eine Rübe dagegen schon. Was für eine übermäßige Hochachtung vor der Rübe, und was für eine kaltherzige Missachtung des Mädchens! Hier ist ein Gespräch aus einem Sonntagsschulbuch:

Gretchen: ‚Wilhelm, wo ist die Rübe?’
Wilhelm: ‚Sie ist in der Küche.’
Gretchen: ‚Wo ist das vielseitig gebildete, schöne englische Mädchen?’

Wilhelm: ‚Es ist in der Oper.’“

Tja – damit muss man leben.

Was tun?

Zu guter Letzt hat Mark Twains Sprach-Analyse auch noch sehr konkrete Vorschläge zur Reform der Sprache:

„Ich würde vom Sprecher verlangen, dass er aufhört, wenn er fertig ist, und nicht noch eine Kette nutzloser ‚haben sind gewesen gehabt haben geworden sein’ an den Satz anhängt… Ich würde von jedermann verlangen, dass er mir einfach und geradezu mit dem kommt, was er mir erzählen will, oder aber seine Geschichte zusammenrollt und sich daraufsetzt und Ruhe gibt. Übertretungen dieses Gesetzes müssten mit dem Tode bestraft werden.“

Ende

Mit der heutigen Sprache wäre Mark Twain besser klar gekommen. Schließlich hat sich auch die Schriftform großteils der Gesprochenen- und Umgangs-Sprache angepasst. Bleibt nur noch zu sagen: Seien wir stolz auf unsere Sprache. Denn wer stolz darauf ist, der behandelt sie auch mindestens so gut wie ein wertvolles Auto, das man gern fährt, pflegt und poliert.